AVT-College für Osteopathische Medizin

Leibnizstrasse 7 . 72202 Nagold

"Niemals war
                mehr Anfang als jetzt"
 
                                                                                                                       Walt Whitman (1819-1892)

Förderung von Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung:

Immer häufiger stellen in den letzten Jahren Eltern ihre Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) in osteopathischen Praxen vor und erhoffen sich durch die Osteopathie Hilfe für die betroffenen Kinder.
Bei einer LRS handelt es sich um eine ernstzunehmende Störung der schulischen Entwicklung der Kinder die sich nicht selten auch auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes auswirkt. Die Diagnose einer LRS sollte mittels geeigneter Testverfahren (Diskrepanz zur Alter- und / oder Klassennorm außerhalb der ersten Standarddeviation) möglichst früh gestellt werden. Eine eventuelle Komorbidität der LRS mit Störungen des Seh- und des Hörvermögens sollte ausgeschlossen werden. Die Therapie der LSR sollte leitlinienorientiert mit dem Training des phonologischen Bewusstseins und der Buchstaben-Silben-Morphemsynthese sowie systematischen Lese- und Rechtschreibübungen durch ausgebildete Therapeuten im Einzel- oder im Gruppensetting erfolgen.
Für die Anwendung der Osteopathie bei LRS gibt es bislang keinen Wirkungsnachweis. Denkbar ist die osteopathische Behandlung funktioneller Störungen welche sich in Form von häufigem Kopfschmerz und mangelhafter Entwicklung der aufrechten Körperhaltung zeigen können. Dabei muss allerdings im Verständnis der Entwicklung eines verantwortungsbewussten Therapieauftrags von Seiten des Osteopathen explizit darauf hingewiesen werden, dass damit nicht die LRS behandelt, sondern negativ intervenierende Faktoren des Förderungsumfeldes Ziel der Behandlung sind. Dies erscheint umso wichtiger als die Förderung der betroffenen Kinder keine zeitliche Verzögerung erlaubt und bis zum Erreichen des alters- und klassenorientierten Leistungsniveaus anhalten muss.

Download einer Metanalyse von K. Galuschka über die Diagnose und Behandlung von LRS [512 KB]
Download der S-3-Linie zur Diagnose und Behandlung von LRS [1.433 KB]

Die Dysfunktion zervikaler Arterien:

Die strukturelle Veränderung der Arterien welche das Gehirn versorgen, die cervical artery dissection (CeAD), bedarf im Zusammenhang mit der Anwendung von osteopathischen manuellen Techniken (OMT) im Bereich der Hals- und Nackenregion sowie des zervikothoraklen Übergangs einer differenzierten Betrachtung um eventuelle Risiken in der Behandlung zu erkennen und geeignete Maßnahmen und Entscheidungen im Sinne des Clinical Reasoning (CR) zu ermöglichen.

Wenngleich verschiedene Publikationen der letzten Jahrzehnte zeigen konnten, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für das Auftreten zerebraler Perfusionsstörungen nach der Anwendung von OMT erhöht ist, konnte bislang ein kausaler Zusammenhang zwischen der Anwendung von manuellen Mobilisationstechniken der Hals- und Brustwirbelsäule und einer akuten Durchblutungsstörung des Gehirns nicht zweifelsfrei belegt werden. Epidemiologische Daten aus den USA lassen vermuten, dass die jährliche Inzidenz für eine CeAD bei 2,6 von 100.000 Personen liegt. Davon sind zirka 61% spontane Dissektionen, 30% sind die Folge von Traumata und 9% entstehen in Zusammenhang mit der Behandlung der Halswirbelsäule. Es ist davon auszugehen, dass sich Letztere auf der Basis bereits vorgeschädigter Gefäße entwickeln. Dabei verteilen sich die CeAD auf die Arteria carotis interna (ICA) und die Arteria vertebralis (VA) im Verhältnis 2:1. Ein Team australischer, neuseeländischer und englischer Osteopathen hat unlängst ein Review im International Journal of Osteopathic Medicine zu diesem Thema veröffentlicht (Vaughan B, et al., Manual therapy and cervical artery dysfunction: Identification of potential risk factors in clinical encounters, International Journal of Osteopathic Medicine. 2016). Die Autoren kommen zu der Ansicht, dass zirka 45% aller ernsthaften Zwischenfälle hätten vermieden werden können, wenn eine adäquate Anamnese und Untersuchung der Patienten durchgeführt worden wäre. Dieser Aspekt gewinnt unter dem Hintergrund der Tatsache, dass die initialen Symptome einer CeAD mit unspezifischen Nacken- und Kopfschmerzen einhergehen und somit eine muskuloskelettale Dysfunktion vortäuschen können besondere Bedeutung.

Die in der klinischen Untersuchung der Zervikalregion häufig angewandten „Sicherheitstests“ für die VA (De Klejn-Test und Wallenberg-Test) sind in den meisten Fällen selbst bei Patienten mit einer diagnostizierten vertebro-basilären Insuffizienz (VBI) nicht positiv (Thiel H, et al, Effect of various head and neck positions on vertebral artery flow, Clin.Biomech, 1994;9: 105-110) und vermitteln somit im Falle eines negativen Tests eventuell eine falsche Sicherheit.

Somit ist die Bedeutung von red flags für eine möglicher Weise bestehende CeAD im klinischen Alltag von überragender Bedeutung. Im Falle von Symptomen welche durch eine CeAD ausgelöst werden können sollte eine Duplex- bzw. Doppler-Untersuchung der gehirnversorgenden Arterien, wie sie im C-Modul der Sonographie-Kurse am AVT-College gelehrt wird, durchgeführt werden. Wenngleich auch diese nicht in jedem Falle eine VA-Dissektion zu diagnostizieren vermag (Sturzenegger M, et al, Ultrasound findings in Spontaneous Extracranial Vertebral Artery Dissection, Stroke, 1993;24: 1910-20) ist eine VBI durch die Analyse der Wellenform des Dopplers und die Bestimmung der Blutflussgeschwindigkeit erkennbar und kann somit einen wesentlichen Beitrag zur Früherkennung bestehender Risiken bieten. Die Publikationen stehen den Studierenden des AVT-College über ILIAS zur Verfügung.

Interdisziplinarität: Osteopathie und Zahnmedizin

Turin, 09.-10.04.2016: Im Rahmen ihres postgraduierten Studiums des Master of Science in Biomedical Interdisciplinary Dentistry, hatte eine Gruppe italienischer Zahnärzte die Möglichkeit die Osteopathie und ihre Behandlungsstrategien in der interdisziplinären Versorgung von CMD-Patienten kennenzulernen.
Für die Studiengruppe erschlossen sich völlig neue Aspekte der Therapie und mit der wissenschaftsorientierten Vermittlung der Osteopathie eine große Akzeptanz ihrer Behandlungsstrategien. So entwickelte sich bei den Studierenden der Wunsch mehr über diese medizinische Disziplin zu erfahren und die unumstößliche Einsicht in der Zukunft intensiver die Zusammenarbeit mit einem Osteopathen anzustreben.

Die osteopathische Behandlung des akuten Otitis media:

Eine multizentrische randomisierte und kontrollierte Pilotstudie (West Virginia School of Osteopathic Medicine und New England School of Osteopathic Medicine) konnte an einem Patientenkollektiv von 52 Kindern mit einer akuten Otitis media in der Studiengruppe (Standard-Care und OMT) eine signifikant schnelle Heilung feststellen als vergleichsweise in der Kontrollgruppe welche ausschließlich mit der Standardtherapie behandelt wurde.
Die Versuchsgruppe wurde 3x im wöchentlichen Abstand gemäß einem standardisierten osteopathischen Behandlungsprotokoll therapiert. Die Therapieergebnisse in der Versuchs- und in der Kontrollgruppe wurden basierend auf den Daten der Veränderung im Tympanogramm und der Messung der Mittelohrreflexe analysiert. Lesen Sie mehr über diese Studie [461 KB]

Muskel-Trigger-Punkte – eine Fiktion oder Realität?

Im Rahmen der manuellen osteopathischen Behandlung von Funktionsstörungen des Stütz- und Bewegungsapparats wird Muskel-Trigger-Punkten (TP) eine wesentliche Rolle in der Entstehung und Übertragung von Schmerz zugeordnet. Seit der Erstbeschreibung dieser Schmerzmaximalpunkte durch Janet Travell zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden die verschiedensten manuellen (Positional Release, Spray and Stretch), apparativen (Stoßwellentherapie) und invasiven (Dry Needling und Injektion) Therapiekonzepte zur Behandlung der TP entwickelt und mit nicht unerheblichem klinischen Erfolg auch in der Behandlung der Patienten eingesetzt.
Parallel dazu wurden im Laufe der Jahre unterschiedliche Erklärungsmodelle hinsichtlich der Frage „Was sind Muskel-Trigger-Punkte und wie wirkt deren Behandlung?“ entwickelt. Keine dieser unterschiedlichen Theorien konnte jedoch bis zum heutigen Tage die Ätiologie und Pathogenese der TP wissenschaftlich wirklich erklären. Weder bildgebende Verfahren (MR und Sonographie) noch biochemische Analysen und Biopsien waren in der Lage diese Fragen nachhaltig und verlässlich zu beantworten. Wenngleich es in verschiedenen Studien der letzten Jahre gelungen ist mittels der Strain Elastographie (einer neuen Methode der Ultraschalldiagnostik) die bislang nur durch Tasten erfassbaren TP in der Muskulatur sichtbar und deren Veränderung unter der Behandlung zu belegen, bleibt ihre Pathoätiologie weiterhin unklar. Wer sich nun auf den Standpunkt stellt „wer heilt hat Recht“ und die genauen Ursachen für die Entstehung der TP und ihre Pathoätiologie sei in diesem Falle nicht von Belang, der muss sich fragen lassen wie man die Heilung eines TP durch die unterschiedlichen Behandlungsfahren denn definiert, wenn man nicht einmal mit Sicherheit weiß was ein TP ist – denn eines ist sicher – man kann „Heilung“ nicht an der Schmerzreduktion festmachen. In der Fülle der vorhandenen Literatur zu diesem Thema sind zwei Arbeiten aus den Jahren 2014 und 2015 für jeden Osteopathen der sich mit der Behandlung von Muskel-Trigger-Punkten befasst ein absolutes Muss. In seinem kritischen Review erläutert John L. Quintner (2014) die Schwachstellen im theoretischen und therapeutischen Konzept der Muskel-Trigger-Punkt-Behandlung. Als Antwort auf diese Arbeit verteidigen Jan Dommerholt und Robert D. Gerwin die bestehenden Konzepte ohne jedoch die Bedenken von Quintner wirklich ausräumen zu können. Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil!

A critical evaluation of the trigger point phenomenon; John L. Quintner, (2014) Download [142 KB]
A critical evaluation of Quintner et al: Missing the point; Jan Dommerholt, Robert D. Gerwin, (2015) Download [602 KB]

Funktionsstörungen des Kiefergelenks und ihre Ursachen:

Schmerzhafte Funktionsstörungen des Kiefergelenks die mit einem Defizit der Mundöffnung und der Medio- sowie Protrusion einhergehen, können durch ein Internal Derangement im Kiefergelenk (eine partielle bzw. komplette Verlagerung des Diskus) bedingt sein. Nicht jedes Bewegungsdefizit des Kiefergelenks ist jedoch auf eine solche pathologische Relation zwischen dem Condylus des Unterkiefers und dem Discus articularis zurückzuführen. Da im Falle einer akuten Funktionsstörung im Kiefergelenk eine interdisziplinäre Versorgung der Patienten, zwischen Osteopath und Zahnarzt, aber ganz entscheidend davon abhängt ob es im Einzelfalle zur einer Verlagerung des Diskus gekommen ist oder aber die Störung der Unterkieferbeweglichkeit durch eine entzündliche Veränderung des Kiefergelenks bzw. der Kaumuskulatur (nicht selten verursacht durch eine Parafunktion) bedingt ist, sollte möglichst kurzfristig eine Bildgebung des Kiefergelenks eine Diagnosesicherheit ermöglichen.
Wenngleich die MR-Untersuchung des Kiefergelenks nach wie vor Gold-Standard ist, so konnten doch Studien der letzten Jahre eine sehr gute Sensitivität und Spezifität der hochauflösenden Kiefergelenkssonographie in der Diagnostik von Diskusverlagerungen im Kiefergelenk belegen.
In der Osteopathie-Ausbildung am AVT-College erlernen die Studierenden sowohl die klinische Untersuchung des Kauapparats als auch, in speziellen Modulen, die Sonographie des Kiefergelenks. So wird eine fachliche Kompetenz und Expertise als Grundlage einer interdisziplinären Versorgung der Patienten entwickelt.

Modul: Kiefergelenk und CMD
Modul: Sonographie des Kiefergelenks

Incidence of Somatic Dysfunction in Newborns:

Die Autoren Waddington E., Snider K., Lockwood M. et al haben in der November Ausgabe des Journal of the American Osteopathic Association (Vol. 115, 654-665) ihre Untersuchungsergebnisse an 100 gesunden Neugeborenen im Alter von 6 bis 72 Stunden publiziert (der Originalartikel ist hier verfügbar). Die Autoren entwickelten dazu einen Score (0-34) mit dem sie die Anzahl der identifizierten somatischen Dysfunktionen definierten. Untersucht wurden der Schädel, die Hals- und Lendenwirbelsäule sowie die Sacralregion. Bei 99% der Neugeborenen fanden die Autoren eine Dysfunktion der Synchondrosis sphenobasilaris, bei 95% eine condyläre Kompression und bei 85% eine Restriktion des Os temporale. Die Typisierung der Dysfunktionen in Abhängigkeit vom Geburtsmodus war nicht ersichtlich jedoch konnten die Autoren eine positiv ansteigende Korrelation (p=0,04) zwischen der Dauer der Geburt und der Häufung von somatischen Dysfunktionen finden.

Nach der Studie von Pizzolorusso und Mitarbeitern (Osteopathic Evaluation of Somatic Dysfunction and Craniosacral Strain Pattern among Pretrem and Term Newborns [309 KB] ) aus dem Jahr 2013 ist dies die zweite Publikation welche die Häufigkeit von somatischen Dysfunktionen bei asymptomatischen Neugeborenen (n=155) untersucht hat. Wenngleich die beiden Studien eine durchaus differente Verteilung der dokumentierten Dysfunktionen belegen, so zeigen sie doch eine absolute Häufung von multiplen somatischen Dysfunktionen bei Neugeborenen an.

Neben der Tatsache, dass beide Studien erhebliche methodische Schwächen aufweisen (es existiert keine Intra- und Interrater Reliabilität und alle Befunde sind rein subjektive Wahrnehmungen der Untersucher) wurden die Untersuchungen an asymptomatischen Neugeborenen durchgeführt. Mit der Häufung von Dysfunktionen (99% SBS-Strains) ohne jegliches follow-up der Kinder wird deren Bedeutsamkeit im klinischen Alltag sehr fraglich. Aus diesem Grunde sollten die Studienergebnisse mit größter Zurückhaltung interpretiert werden und dürfen keinesfalls Grundlage einer argumentativen Diskussion für ein osteopathisches Neugeboren-Screening sein noch sollten sie zur Verunsicherung der Eltern führen.

Ein Studium der Osteopathie am College ermöglicht Ihnen:

  • die Osteopathie wissenschaftsorientiert und zugleich praxisnah zu erlernen
  • zwischen unterschiedlichen Ausbildungswegen zu wählen
  • von hochschulqualifizierten Dozenten unterrichtet zu werden
  • sich mit einen Hochschulabschluss (BSc und MSc) für die Zukunft zu qualifizieren

Entscheiden Sie sich jetzt für einen Beruf der Zukunft und starten Sie mit Ihrer Ausbildung.

Lehrveranstaltungen im Sommersemester: